Anbetungsgottesdienste, Lobpreis-Sessions, Worship-Nächte – und noch viel mehr Begriffe kursieren seit einigen Jahren in fast allen christlichen Kreisen. Es gibt eindeutig einen Missbrauch des Begriffs „Anbetung“. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir klären, was Gott, die Bibel mit „Anbetung“ meint. Schließlich geht es ja in erster Linie um Gott und nicht um uns...
1. Anbetung, ein besonderes Kennzeichen des Volkes Gottes
Als Gott zum ersten Mal ein ganzes Volk erlöst und zu seinem Eigentum gemacht hatte, sagte er: „Ihr sollt mein Eigentum sein aus allen Völkern, denn die ganze Erde ist mein; und ihr sollt mir ein Königtum von Priestern sein...“ (2. Mose 19,5,6).
Der Apostel Petrus sagt uns, dass alle, die zu Jesus Christus gekommen sind, von ihm zu einem geistlichem Haus, einem heiligen Priestertum aufgebaut werden (1. Petrus 2,5), und Johannes bestätigt, dass dies Gottes Absicht der Erlösung ist (Offenbarung 1,5-6). Als Priester treten wir vor Gott. Wenn wir vor ihm stehen, ist er alles, und wir sind nichts. In der Anbetung bringen wir in bewusster Weise zum Ausdruck, dass Gott der Erste und der Höchste, dass er die Mitte der Welt ist, dass alles um seinetwillen geschieht, dass seine Verherrlichung Sinn und Ziel aller Dinge ist (Offenbarung 4,11).
2. Der Begriff „Anbetung“ im Alten- und Neuen Testament
Das hebräische Wort für Anbeten bedeutet „sich niederwerfen“. Das Wort „anbeten“ kommt im Alten Testament zum ersten Mal in 1. Mose 22,5 vor. Dieser erste Beleg ist besonders aufschlussreich. Was tut Abraham auf dem Berg Moria alles? • Er hat von Gott eine Weisung bekommen, und er unterwirft sich dieser Weisung. • Er gibt Gott alles zurück, was er von Gott empfangen hatte.
Hier wird bereits alles Wesentliche über Anbetung gesagt: • Was löst sie aus? Gottes Reden! • Was ist sie dem innersten Wesen nach? Sich Gott unterwerfen! • Wie geschieht sie? Indem wir Gott alles zurückgeben (Psalm 29,1,2; 1. Chronika 29,14).
Erstaunlich: Es fehlt hier fast alles, was wir heute vielfach unter „Anbetung“ verstehen: Da war kein Gesang, keine Musik, kein festlicher Rahmen, keine Hochstimmung. Es fehlten sogar die Worte. Wenn ich anbete, neige ich mich vor dem, der größer ist als ich. Das ist die fundamentalste Bedeutung von anbeten. Alles weitere, was zur Anbetung gehören mag, geht hiervon aus, wirklich alles!
Gott hat geredet oder gehandelt - sei es in der Schöpfung, in der Offenbarung oder in der Erlösung, - und weil Gott geredet und gehandelt hat, beuge ich mich vor ihm. Das ist Anbetung. Wenn wir das begreifen, werden wir in unserem Verständnis von Anbetung nicht weit abirren können. Unser Verständnis mag vielleicht wenig entwickelt sein, aber es wird nie grundfalsch sein. Wir lernen an Hiob das gleiche wie an Abraham: Hiob fällt vor Gott nieder und bekennt, dass alles in seiner Hand ist und alles von Gott ausgeht (Hiob 1,20,21). Das Volk Gottes in Ägypten hat die Botschaft von Gottes Heilsabsichten gehört und geglaubt. Sie fallen daraufhin nieder und beten an (2. Mose 4,31). Dann bekommt das Volk die Anweisungen zum Passah. Sie begreifen Gottes Willen und beten an (2. Mose 12,27).
Das griechische Wort für Anbetung lautet „proskyneo“. Es kommt im Neuen Testament 55mal vor. Der Gebrauch des Wortes zeigt, dass seine Bedeutung sich mit dem alttestamentlichen Begriff deckt. Erstmals findet sich das Wort in Matthäus 2,2.8.11. Die Weisen beten den König der Juden an. Das Entscheidende dabei ist: „Sie fielen nieder...“ vor dem König. Die Ältesten vor dem Thron fallen nieder und bekennen damit, dass der Wille dessen, der auf dem Thron sitzt, alles bestimmt, und dass er, der auf dem Thron sitzt, über alles regiert (Offenbarung 4,10; 5,14; 11,16; 19,4). Die ungläubigen Menschen beten aber den Drachen an (Offenbarung 13,4). Die wesentlich Aussage in ihrem Bekenntnis ist: „Wer ist ihm gleich?“ Also auch hier heißt anbeten so viel wie die Größe des Angebeteten anerkennen. Das Tier wird darauf bestehen, dass man ihm Anbetung bringt. Tanz oder Musik ist ihm einerlei. Es will Unterwerfung unter seinen Willen und sein Regiment. Die Bewohner der Erde werden aufgefordert, den anzubeten, der den Himmel und die Erde gemacht hat(Offenbarung 14,7). Es kommt nur auf eine einzige Sache an: Anerkennen, wer der Schöpfer ist. Gott erwartet nicht, dass die Bewohner der Erde anfangen zu tanzen, zu klatschen und sich im Rhythmus zu wiegen. Nein, er will sehen, wie sie ihn fürchten und sich ihm unterwerfen.
3. Formalismus als Ersatz für Anbetung
Es ist leichter, die korrekte Form zu bewahren als ein gottesfürchtiges Herz. Wir können noch immer schöne Worte machen, auch wenn unser Herz dem Herrn längst entfremdet ist (Matthäus 15,18). „Wie sollten wir ein Lied des Herrn singen auf fremder Erde?“ (Psalm 137), fragen die Juden im babylonischen Exil. Wie unpassend wäre es gewesen, wenn sie Freudenlieder angestimmt hätten, wo sie doch gesündigt hatten und ihrer Sünde wegen von Gott gedemütigt worden waren. Echtheit ist im Reich Gottes alles; denn es besteht nicht in schönen Worten, sondern in Kraft (1. Korinther 4,20) und in ungeheucheltem Glauben (2. Timotheus 1,5). Besser aus einem aufrichtigen Herzen einige unbeholfene Worte des Dankes stammeln als mit einem fetten Herzen dröhnende Choräle singen oder Gebete formulieren, die wie in Stein gemeißelt aufgebaut und vor der Gemeinde präsentiert werden. Besser die Sprache verlieren, als redegewandt ein schimmerndes Tuch spinnen, um damit ein leer gewordenes Herz zu verhüllen!
4. Das Herz und die Anbetung
Bei der Anbetung ist das Herz das Entscheidende. Wie kann unser Herz Gott zugeneigt werden? Wir wollen das an zwei Beispielen sehen:
Israel am Roten Meer Hier lehrte Gott sein Volk, sich vor ihm zu neigen und zu bekennen: „Der Herr ist König immer und ewiglich!“ (2. Mose 15,18). Das war ein großartiges Bekenntnis und ein großartiges Verlangen. Wie hatte Gott dieses Verlangen wecken können? Drangsal war das Mittel gewesen. Gott hatte Israel in eine ausweglose Klemme geführt. Die furchtbare Angst, das Empfinden der völligen Hilflosigkeit und das Erleben von Gottes Eingreifen für sie weckte im Volk das Verlangen, diesem Gott zu gehorchen und ihm als König unterworfen zu sein. Das ließ wahre Anbetung entstehen!
Israel am Karmel Zur Zeit Elias hatte sich das Herz des Volkes weit von Gott abgewandt und an die Götzen gehängt. Elia betete, dass Gott das Herz des Volkes zu ihm wenden möge (1. Könige 18,37), und da „fiel Feuer des Herrn herab und verzehrte das Brandopfer... Und als das ganze Volk es sah, da fielen sie auf ihr Angesicht und sprachen: Der Herr, er ist Gott! Der Herr, er ist Gott!“ (1. Könige 18,38.39).
Das Volk sah dort vor ihren Augen, wie Feuer vom Himmel fiel. Auf wen fiel das Feuer? Nicht auf sie, obwohl sie genau begriffen, dass es eigentlich sie hätte verzehren müssen. Gottes Zorn traf etwas anderes, oder besser: einen anderen. In jedem Tieropfer, das auf dem Altar Gottes verzehrt wurde, hätten sie das sehen können. Aber sie waren dafür blind geworden. Nun hatte Gott ihnen die Augen wieder geöffnet. Nun sahen sie vor ihren Augen etwas von Gottes Heiligkeit und Gnade aufstrahlen, und das war unwiderstehlich. Ihre Herzen wurden mit Macht diesem großen und furchtbaren und gnädigen Gott zugeneigt.
5. Erwählung und Anbetung
Wodurch sind wir errettet worden? Aus uns? Oder wird nicht jeder bekennen, dass Gott allein das getan hat? Der Heilige Geist überführte uns (Johannes 16,8), und Gottes Wort weckte in unseren toten Herzen den Glauben (Römer 10,17). Es ist von Gott ausgegangen, dass wir in Christus Jesus sind. Der Herr selbst sagt, dass er uns und nicht wir ihn erwählt haben (Johannes 15,16). Und der Apostel bestätigt, dass Gott uns in Christus auserwählt hat vor Grundlegung der Welt. Am Anfang unserer Errettung steht daher Gottes Gnadenwahl, nicht unsere Wahl. Warum ist das für unser Thema wichtig? Weil wir hier den tiefsten Grund und das höchste Motiv zur Anbetung finden: Alles geht von Gott aus; alles muss daher zu Gott zurückkehren (Römer 11,36). Er hat gehandelt, darum gehört ihm aller Ruhm. Er hat um seinetwillen gerettet, darum gehört alle Ehre ihm. Einer der größten Erweckungsprediger der Kirchengeschichte, der Engländer George Whitefield (1714 - 1770), sagte in einer Predigt zwei Jahre vor seinem Tod:
„Ich weiß, dass keine andere Wahrheit den Menschen wirklich demütigen kann. Denn entweder muss Gott uns erwählen, oder wir müssen Gott erwählen.“
Soll ich denn vor dem Ewigen und Allmächtigen, vor dem Heiligen, dem ich alles verdanke, den ich aber mit meiner Sünde herausgefordert habe, nicht klein werden? Soll ich mich vor ihm denn nicht demütigen? Sollte ich denn vor Gott nicht im Staub liegen? Ist nicht genau das wirkliche Anbetung?
6. Die Anbetung soll Gott ehren, nicht den Anbeter beglücken
Das Evangelium befreit uns von uns selbst; wir sind nicht die Mitte der Welt, sondern Gott ist Anfang, Mitte und Ende aller Dinge. Das Evangelium hat nicht die Beglückung des Menschen zum Zweck; das Evangelium will nicht eine geniale Methode sein, um unsere höchsten und tiefsten Bedürfnisse zu stillen. Beim Evangelium ist nicht der Mensch die Hauptsache, sondern Gott. Darum heißt das Evangelium im Römerbrief zuerst Evangelium Gottes, dann Evangelium über den Sohn Gottes (Römer 1,1.3). Das Evangelium ist die Kraft Gottes (Römer 1,16), die uns von der Sünde, vom „ich“, vom Eigenwillen befreit und uns befähigt, Gottes Willen zu wählen und zu tun. Das Evangelium macht uns frei für Gott. Das sollen wir mit unserem ganzen Leben, Glauben, Reden und Tun zum Ausdruck bringen, in besonderer Weise in der Anbetung. Der Mensch, seine Gefühle und sein Befinden dürfen hier noch weniger als irgendwo sonst die Hauptsache sein. Es ist eine der schlimmsten Verirrungen, die es überhaupt geben kann, wenn ausgerechnet die Anbetung zu einem Anlass degradiert wird, bei dem der Christ seine frommen oder erhabenen, auf alle Fälle beglückenden Gefühle zelebriert. Das Räucherwerk, das Gott zum lieblichen Geruch aufstieg, war für Gott allein reserviert (2. Mose 30,38).
7. Befähigung zur Anbetung
Ich kann Gott nur anbeten, wenn ich Gott kenne, und ich lerne ihn ausschließlich durch die Offenbarung seiner selbst kennen, also in seinem Wort; denn dort hat er sich geoffenbart. Wenn ich ein Anbeter werden will, muss ich ein Bibelleser werden. Liegt da der Grund, warum wir Gott so wenig echte Anbetung darbringen? Kennen wir ihn zu wenig? Seine Werke? Wenn wir die Bibel regelmäßig, ausgiebig und systematisch lesen, begegnen wir dort immer wieder unserem Gott und Retter und sehen wir immer neu die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi (2. Korinther 4,6).
Wir können nur durch den Geist anbeten. • Der Heilige Geist wohnt im Kind Gottes und ruft: Abba, Vater (Römer 8,15). • Der Heilige Geist drängt den Christen zu bekennen: Jesus ist Herr (1. Korinther 12,3). • Der Heilige Geist zeigt mir durch das Wort Gottes, wer Gott, der Vater, ist. Gott hat mich wiedergezeugt! Ich bin aus ihm; ich verdanke alles ihm und in seiner Gnade hat er mich in seinem Sohn erwählt, berufen, gerechtfertigt und versiegelt auf den Tag der Erlösung. Der Heilige Geist zeigt mir durch das Wort Gottes, wer der Herr ist. Jesus Christus hat mich für Gott erkauft. Er ist erhöht und von Gott eingesetzt, einst über alles zu herrschen. Wie aber soll Gottes Geist an mir wirken, wenn ich ihm jene Pforte nicht öffne, durch die er eintreten will; wenn ich ihm jenes Mittel entziehe, durch das er an mir wirken will, nämlich Gottes Wort? Gottes Geist wirkt immer im Zusammenhang mit Gottes Wort. Wollen wir dem Heiligen Geist Gelegenheit geben, unsere Herzen zu erfüllen, dann müssen wir Herz und Sinn mit dem Wort Gottes anfüllen. Zu deutsch: Wir müssen Bibelleser werden, passionierte Bibelleser, denen es nicht zu viel ist, täglich ausgiebig in der Bibel zu lesen. Sind wir es nicht, brauchen wir uns nicht zu wundern über die Flachheit unseres geistlichen Lebens und über die Dürre und den Formalismus unserer Anbetung.
„Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,36).
Benedikt Peters aus: "Die Wegweisung" 1-2000 |